Sektionsleitung: Dr. Nina Reusch & Dr. Jörg van Norden
Moderation: Nicole Garretón
Vorträge:
- Dr. Frank Oliver Sobich: Früher war nichts besser, aber vieles anders
- Dr. Nina Reusch: Utopische und dystopische Zukünfte als Bestandteile gesellschaftskritischer Geschichte
- Dr. Philipp McLean: Geht es in der historischen Bildung eigentlich auch um die Zukunft? Oder kann/darf/soll man aus der Geschichte etwas für die Zukunft ableiten?
- Prof. Dr. Jörg van Norden: Vergangenheit als Möglichkeit realer Utopie
Was kann Geschichtswissenschaft gegen Nostalgie und Anemoia tun?
Nostalgie war bis weit in die 1970er Jahre ein weitgehend unpolitischer Begriff für räumliches Heimweh, also die Sehnsucht nach einer „Heimat“ als Ort, an dem mensch dauerhaft oder vorübergehend nicht sein konnte. Seit den 1970er Jahre hat sich der Begriff verzeitlicht, zudem hat die Idealisierung von erlebten oder nur phantasierten Vergangenheiten seit den 2000er Jahren drastisch zugenommen. Sie wurden seitdem auch politisch aufgeladen, nicht nur, aber vor allem von rechtsradikalen Bewegungen. Neu sind imaginierte Vergangenheiten als regressive Utopien nicht, als repressive Bedrohung bestimmter gesellschaftlicher Entwicklungen und als Blockade bestimmter notwendiger Entwicklungen sind sie allerdings von erhöhter Aktualität. Zu der Frage, was Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik tun können, sollen Thesen vorgetragen und diskutiert werden.
Seit sich Kapitalismus und parlamentarischer Liberalismus als Wirtschaftssystem, als politisches Prinzip und als letzte große Erzählung in westlichen Staaten durchgesetzt haben, ist es für viele Menschen schwer geworden, sich Gegenentwürfe zu bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen vorzustellen. Doch die angebliche Alternativlosigkeit zum Bestehenden, die bereits von Margaret Thatcher postuliert und heute gerade in Bezug auf ökonomische Ordnungen vielfach wiederholt wird, entspricht einem zutiefst ahistorischen Prinzip. Historisch zu denken heißt Gesellschaft im Wandel zu sehen – nicht nur in der Rückschau, sondern auch in Richtung der Zukunft.
In meinem Beitrag diskutiere ich, welche Art von Zukunftsentwürfen konkret aus einer gesellschaftskritischen Geschichtsbetrachtung entstehen und fokussiere mich dabei auf utopische und dystopische Zukunftsentwürfe. Emanzipatorische politische Bewegungen zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass ihre kritische Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart auf eine als besser imaginierte Zukunft hinweist. Angesichts der Irreversibilität des Klimawandels wird utopisches Denken jedoch zu einer Herausforderung, und so überwiegen aktuell bei vielen Akteur*innen der Klimabewegung dystopische Szenarien. Dieses Spannungsfeld möchte ich in den Blick nehmen und daran das Verhältnis von Gesellschaftskritik, historischem Denken, Utopie und Dystopie diskutieren.
Die Vorstellung einer aus der Vergangenheit eindeutig ableitbaren Zukunft, deren Verlauf prognostiziert und vor allem gezielt beeinflusst werden kann, ist ein nach wie vor sehr wirksamer Mythos der Moderne. In kapitalistischen Gesellschaften (und nicht nur dort) bilden historische Erkenntnisverfahren und vor allem auf historischen Daten basierende Prognosen (z.B. über zu erwartendes Kaufverhalten oder im Rahmen von Risikoabschätzungen) eine wesentliche Grundlage für Zukunftsplanungen und -erwartungen. Die Geschichtswissenschaft dient hier also auch dem Versuch der Zukunftsbeherrschung. Die Erwartung einer instrumentellen „Machbarkeit“ von Zukunft prägt darüber hinaus zahlreiche Narrative, die auch vielen – vor allem politisch formulierten – Vorstellungen von der Wirksamkeit historischer Bildung zugrunde zu liegen scheinen.
Andererseits scheint – wie schon bei Hegels Eule der Minerva – die Erkenntnis der Geschichte immer zu spät zu kommen. Zahlreiche (geschichts-)theoretische Argumente, vor allem aber die Annahme der Kontingenz, verbieten eine allzu einfache Verknüpfung von Gegenwart und Zukunft. Vor diesem Hintergrund stellt sich für die historische Bildung die Frage, ob es überhaupt möglich ist, aus der Geschichte zu lernen. Anders formuliert: Was ist der Sinn und Zweck einer Beschäftigung mit der Vergangenheit bei aller Ungewissheit über den Zusammenhang mit der Zukunft? Im Rahmen des Vortrags soll entlang der hier skizzierten Herausforderungen dafür argumentiert werden, dass das Zulassen ebendieser Ungewissheiten sogar ein wesentlicher Faktor sein kann, um im Zuge einer utopisch/immanenten Bewertungsdimension negativ etwas an der Geschichte zu lernen, um auf diese Weise kritisch mit der Gegenwart umgehen zu können und damit einen Möglichkeitsraum zu eröffnen.
In meinem Beitrag möchte ich Vergangenheit um der Utopie willen ausdifferenzieren. Vergangenheit gibt es zweimal, erstens die auf sprachlicher Ebene in den Narrationen, die wir, gesellschaftlich gerahmt, in unserer Gegenwart konstruieren, um zu unterhalten oder zu orientieren (epistemologischer Präsentismus, phänographische Historizität). Auf dieser sprachlichen Ebene narrativer Grammatik verorte ich historisches Denken und Lernen, Geschichtsschreibung, Geschichtsbilder und Geschichtsbewusstsein. Bei den genannten Aspekten handelt es sich um soziale Praktiken. Vergangenheit in diesem Sinne, Vergangenheit für uns, entbehrt des utopischen Charakters, auch wenn die entsprechenden Narrationen von Struktur und Inhalt her unkonventionell erscheinen mögen.
Vergangenheit ist zweitens als Möglichkeit realer Utopie zu verstehen. Diese Vergangenheit, die Vergangenheit an sich, hat im Gegensatz zur erstgenannten Vergangenheit weder Struktur noch Inhalt. Sie ist, was uns befremdet, weil es aus dem Rahmen fällt, in dem wir arbeiten und herstellen. Befremden wird durch Überreste bzw. Überlieferung ausgelöst, in denen wir trotzdem einiges wiedererkennen. Dieses Wiedererkennen zeigt, dass die Fremde nicht aus dem Heute, sondern aus dem Damals stammt. Fremde und Vergangenheit bedingen sich gegenseitig, weil das Von-etwas-wissen vergangen sein muss, damit dieses Etwas uns fremd wird. Vergangenheit, Fremde und Wandel bedingen sich. Diese Vergangenheit an sich entzieht sich unserer Erkenntnis, aber im Befremden ist sie da: Sie ist real. Sie zeigt dem, der neugierig ist, einerseits, dass die Gegenwart, in der wir leben, nicht alternativlos ist, und eröffnet andererseits einen Möglichkeitsraum, Gegenwart kreativ anders zu denken, als sie ist: Vergangenheit an sich ermöglicht Utopie.
Beyer, Heiko/Schauer, Alexandra (2021) (Hg.): Die Rückkehr der Ideologie. Zur Gegenwart eines Schlüsselbegriffs. Frankfurt/Main.
Hölscher, Lucian (2022): Virtual Historiography. Opening History Toward the Future. In: History and Theory 61/2022, H. 1, S. 27–42.
Regazzoni, Lisa (2022): And If History Were to Turn Its Back on the Future? A Thought-provoking Interjection. In: Geschichtstheorie am Werk. Online verfügbar unter https://gtw.hypotheses.org/6870, zuletzt geprüft am 11.12.2023.
van Norden, Jörg (2022): Verlust der Vergangenheit. Historische Erkenntnis und Materialität zwischen Wiedererkennen und Befremden (Geschichtsdidaktik theoretisch Bd. 3). Frankfurt/Main.
Waldenfels, Bernhard (2006): Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden. Frankfurt/Main.
Philipp McLean studierte Geschichte, Ethik, Philosophie sowie Politik und Wirtschaft an der Philipps-Universität in Marburg und der Goethe-Universität in Frankfurt a.M. Nach seinem zweiten Staatsexamen, seiner Promotion und Tätigkeiten an der Goethe-Universität Frankfurt a.M. und der Universität Bielefeld arbeitet er nun als Akademischer Rat an der Universität zu Köln. Seine Forschungsinteressen sind Geschichtsphilosophie und -theorie sowie deren Vermittlung in der Lehre, die Förderung von Mündigkeit, Kritikfähigkeit und Reflexivität durch historische Bildung sowie die Frage nach der historischen Vorstellungskraft.
Jörg van Norden studierte Geschichte, Spanisch und Religion. Nach Zweitem Staatsexamen, Promotion und Schuldienst arbeitet er als Geschichtsdidaktiker an der Universität Bielefeld. Dort wurde er habilitiert und zum Professor ernannt. Seine Forschungsinteressen sind Geschichtstheorie, Geschichtskultur und empirische Lehr-Lernforschung.
Nina Reusch studierte Neuere und Neueste Geschichte, Gender Studies und Soziologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Didaktik der Geschichte der Freien Universität Berlin. Sie arbeitet zu didaktischen Auseinandersetzungen mit Umweltgeschichte und Nachhaltigkeit, Geschlechtergeschichte in der Geschichtsdidaktik, sowie empirischen wie theoretischen Auseinandersetzungen mit Geschichtskulturen und Public History.
Nicole Garretón hat Geschichte, Sozialwissenschaften und Erziehungswissenschaft an der Universität Bielefeld und der Universidad Viña del Mar (Chile) studiert. In ihrer Promotion beschäftigt sie sich mit der Disziplingeschichte der Geschichtsdidaktik in der Bundesrepublik und der Geschichtsmethodik in der DDR. Aktuell ist sie an der RWTH Aachen als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich Didaktik der Gesellschaftswissenschaften im Projekt „Kolonialgeschichte, Geschichtskultur und historisch-politische Bildung in NRW“ tätig.
Frank Oliver Sobich studierte Geschichts-, Politik- und Erziehungswissenschaften, Promotion 2006 über Rassismus und Antisozialismus im deutschen Kaiserreich, seit 2008 Geschichtsdidaktiker an den Universitäten Greifswald, Paderborn und Frankfurt am Main. Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Neueste und Zeitgeschichte, Medien des historischen Lernens, Theorie des historischen Denkens, Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus und Rechtsradikalismus als Herausforderungen für den Geschichtsunterricht.