Sektionsleitung: Christian Heuer & Christoph Kühberger 

Chair: Christine Gundermann

Vorträge:  

  • Christoph Kühberger: Doing Ethnography on Historical Culture – Annäherungen an kindliche Lebenswelten 
  • Christian Heuer & Julia Jochum: Geschichtsdidaktik als das Fremde? – Übergänge autoethnographisch erzählen 
  • Marcel Mierwald: Praxistheorie meets Geschichtsdidaktik – Aussichtsreich für die ethnographische Beschreibung und Analyse digitalen historischen Lernens? 

Abstract zum Panel

Ethnographie bietet sich als Forschungsstil und -strategie an, um die Praxis der historischen Bildung sichtbar machen. Sie positioniert sich an einer anderen Stelle der Erkenntnisgewinnung als quantitative Herangehensweisen. Nicht die „kalten“ Zahlen und die darin erkennbaren Strukturen, die entlang von normativen Setzungen und deduktiven Settings scheinbar und lediglich distanziert beobachtet werden, stehen bei (auto-) ethnographischen Zugängen im Fokus, sondern vielmehr die Entschleunigung und das Einlassung, das genaue Hinsehen, die teilnehmende Beobachtung und das (Mit-)Erleben der sozialen Realität derer, die mit dem Historischen und Geschichte(n) umgehen. Das Panel stellt Ethnographie in ihrem Spannungsverhältnis zwischen umfänglichem Forschungsstil/-strategie sowie nutzungsorientierter methodischer Option dar und diskutiert dabei fachspezifische Herausforderungen und Möglichkeiten für die empirische Geschichtsdidaktik. Alle drei Beiträge des Panels befassen sich mit forschungsmethodischen Herausforderungen und verorten dabei die Ethnographie als einen geschichtsdidaktischen Zugang zur ambivalenten Praxis der historischen Bildung an drei verschiedenen Bildungsorten (Kinderzimmer, Hörsaal, digitale Medien im Schülerlabor) und bieten darüber hinaus innovative Einblicke zu verschiedenen Zielgruppen (Grundschulkinder, Schüler:innen der Sek. II und Lehramtsstudierende). So lässt sich die das Panel leitende Fragestellung dahingehend konkretisieren, wie sich diese Praxis der Wahrnehmung, Vermittlung und Aneignung des Historischen in Geschichte(n) als soziale Realität im Vollzug empirisch beobachten und interpretieren lässt, ohne dabei von der beobachtenden Instanz und die sie umgebenden Rahmenbedingungen und Zusammenhänge zu abstrahieren. 

Literatur  

Adams, T. E., Holman Jones, S. & Ellis, C. (2015). Autoethnography. New York.  

Ahlrichs, J. (2020). Die Relevanz des Beiläufigen. Alltägliche Praktiken im Geschichtsunterricht und ihre politischen Implikationen. Wiesbaden.  

Breidenstein, G. (2021). Interferierende Praktiken. Zum heuristischen Potenzial praxeologischer Unterrichtsforschung. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 24, 933-953.  

Kühberger, Christoph (Hrsg.) (2021). Ethnographie und Geschichtsdidaktik. Frankfurt a.M.  

Mielke, Patrick (2020): Die Aushandlung von Zugehörigkeit und Differenz im Geschichtsunterricht: Eine ethnographische Diskursanalyse. Göttingen. 

Abstract: Christoph Kühberger (Salzburg)
Doing Ethnography on Historical Culture – Annäherungen an kindliche Lebenswelten

Der Vortrag fragt nach den methodischen Herangehensweisen in einem ethnographischen Forschungssetting (Thomas 2019; Breidenstein et al. 2015), um bislang wenig bis nicht berücksichtigte Facetten einer kindlichen Aneignung von Geschichte im Privaten herauszuarbeiten. Dabei wird einerseits eine Offenheit gegenüber dem Feld (hier: Kinderzimmer und seine Inhaber:innen) als Notwendigkeit skizziert, gleichzeitig aber auch – andererseits – die herausfordernde Situation geschichtsdidaktischer Forschung thematisiert, wonach in ethnographischen Setting keine a priori gesetzte Konzepte überprüft werden sollten. Die Offenheit gegenüber dem Unbekannten, die die Begegnung, Beobachtung und Erhebung begleitet, gilt als konstituierend, um aus derartigen Forschungssituationen neue bzw. vernachlässigte Aneignungspraktiken zu schälen. Damit positioniert sich die ethnographische Praxis in der Geschichtsdidaktik als entschleunigende Kraft, die in der unmittelbaren Lebenswelt von Kindern deren soziale Praxis und deren Umgang mit Vergangenheit bzw. Geschichte herausstellen möchte, um auf diese Weise eine anders gelagerte empirische Grundlage für fachspezifische Diskussionen zur Aneignung, zum Lernen und zum Sinnfinden geben zu können (Macgilchrist 2011; Ahlrichs 2020; Kühberger 2024). 

Literatur 

Ahlrichs, Johanna (2020): Die Relevanz des Beiläufigen: Alltägliche Praktiken im Geschichtsunterricht und ihre politischen Implikationen. Wiesbaden. 

Breidenstein, Georg/Hitschauer, Stefan/Kalthoff, Herbert/Nieswand, Boris (2015): Ethnografie. Die Praxis der Feldforschung. München 2.Aufl.  

Kühberger, Christoph (2024): Das undisziplinierte Kinderzimmer. Ethnographische Erkundungen zur Geschichtskultur im Privaten. Göttingen 2024.  

Macgilchrist, Felicitas (/2011): Schulbuchverlage als Organisationen der Diskursproduktion: Eine Ethnographische Perspektive. In: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 31 (3), 248–263.  

Thomas, Stefan (2019): Ethnografie. Eine Einführung. Wiesbaden. 

Abstract: Christian Heuer & Julia Jochum (Graz) 
Geschichtsdidaktik als das Fremde? – Übergänge autoethnographisch erzählen

Im Rahmen der empirischen Studie interessiert uns die Frage, wie die Übergänge vom Schüler:innen-Sein des Faches Geschichte zum Geschichtslehrer:innen-Werden im Kontext der institutionalisierten Geschichtslehrer:innenbildung von Studierenden wahrgenommen, gestaltet und wie die dabei auftretenden Verunsicherungen interpretiert werden, um Handlungskompetenz als angehende Geschichtslehrperson zu erlangen? Was passiert, wenn Student:innen mit dem Berufswunsch des Geschichte-Unterrichtens den Hörsaal betreten und im Laufe eines Semesters mit den symbolischen Ordnungen der Disziplin Geschichtsdidaktik konfrontiert werden, die ihnen fremd erscheinen (Heuer, 2023a)? Ausgangspunkt der Studie stellen Texte von erstsemestrigen Studierenden dar, die im Modus autoethnographischen Erzählens als einer besonderen Form historischer Sinnbildung (Adams, Ellis, Bochner, Ploder & Stadlbauer, 2020) verfasst wurden. Die gewonnenen Erkenntnisse gewähren so Einblicke in die individuellen Prozesse des 3 „meaning makings“ und zeigen, wie sich innerhalb des Raumes zwischen Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht, Wissenschaft und Schule, Wissen und Können positioniert wird (Heuer, 2023b). Damit expliziert die Studie jene Modi des domänenspezifischen Doing transitions, die den Prozess der Professionalisierung als Geschichtslehrer:in konstitutiv begleiten. 

Literatur  

Heuer, C. (2023a). Über die Praxis der Geschichtsdidaktik. Geschichtslehrer:innenbildung zwischen Wissenschaft und Schulpraxis. Journal für LehrerInnenbildung 23(1), 40-49.  

Heuer, C. (2023b). Meta-Reflexivität und Geschichtsdidaktik. Von der Ausbildung zur Bildung. In C. Cramer (Hrsg.), Meta-Reflexivität und Professionalität von Lehrpersonen. Theorieentwicklung und Forschungsperspektiven (S. 271-283). Münster.  

Adams, T. E., Ellis, C., Bochner, A. P., Ploder, A. & Stadlbauer, J. (2020). Autoethnografie. In G. Mey & K. Mruck (Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie. Band 2: Designs und Verfahren (S. 472-491). Wiesbaden. 

Abstract: Marcel Mierwald (Braunschweig) 
Praxistheorie meets Geschichtsdidaktik – Aussichtsreich für die ethnographische Beschreibung und Analyse digitalen historischen Lernens? 

In der ethnographischen Unterrichtsforschung werden immer häufiger praxistheoretische Ansätze verwendet, um soziale Phänomene im Unterricht zu beschreiben und zu analysieren. Unterricht kann dabei als „Netzwerk aus Sprache, Dingen, Zeiten und Räumen“ verstanden werden, in dem „soziale Ordnung“ durch den „Vollzug miteinander zusammenhängender Praktiken“ hergestellt wird (Proske, 2018, S. 40). Obwohl in der Geschichtsdidaktik mittlerweile diverse Typen von Praktiken (z.B. Zeit- oder Erinnerungspraktiken) erforscht werden, wird gerne auf das spannungsreiche Verhältnis von Praxistheorie, die eher deskriptiv und am „Sozialen“ interessiert ist, und Fachdidaktik, die scheinbar nur normativ-bewertend und an der Qualität des „Fachlichen“ interessiert ist, hingewiesen (z.B. Breidenstein, 2008). Unabhängig davon wurde damit begonnen, fachdidaktische Erkenntnisinteressen mit praxistheoretischer Sicht zu verbinden (z.B. Heuer, i.E.; May, 2015). Sodann werden im Vortrag vertieft Potenziale und Herausforderungen bei der praxistheoretischen Beschreibung und Analyse von ethnografischen Felddaten am Beispiel des historischen Lernens mit digitalen Medien erörtert. Um die Argumentation des Vortrages zu verdeutlichen, wird auf Vignetten und Befunde aus einer eigenen ethnographischen Studie Bezug genommen, in der 40 Oberstufenschüler*innen mit einer digitalen Zeitzeugen-Lernplattform in einem Schülerlabor historisch lernten. An der Studie wird das heuristische Potenzial eines praxistheoretischen Ansatzes für das historisches Lernen mit digitalen Medien diskutiert sowie Grenzen und offenbleibende Fragen in der Synthese von Praxistheorie und Geschichtsdidaktik in ethnographischen Studien skizziert. 

Literatur  

Proske, M. (2018). Wie Unterricht bestimmen? Zum Unterrichtsbegriff in der qualitativen Unterrichtsforschung. In Proske, M. & Rabenstein, K. (Hrsg.), Kompendium Qualitative Unterrichtsforschung. Unterricht beobachten – beschreiben – rekonstruieren (S. 27-62). Bad Heilbrunn.  

Breidenstein, G. (2008). Allgemeine Didaktik und praxeologische Unterrichtsforschung. In: Meyer, M. A., Prenzel, M., & Hellekamps, S. (Hrsg.), Perspektiven der Didaktik. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, Sonderheft 9, S. 201-215.  

Heuer, Christian (i.E.). Doing Aufgaben? – Eine Skizze zur Aufgabenpraxis im Geschichtsunterricht. In Brait, A., Krösche, H., Oberhauser, C. (Hrsg.): Neue Aufgabenkultur im Geschichtsunterricht? Theoretische Zugänge und empirische Befunde. Frankfurt a. M.  

May, M. (2015). Ordnungsbildung in fachkulturellen Praktiken. Empirische Rekonstruktionen am Beispiel der politischen Bildung. Zeitschrift für die Didaktik der Gesellschaftswissenschaften, 6(1), S. 72-91. 

Beteiligte

Christine Gundermann: Prof.‘in Dr.in, geb. 1978, Professur für Public History, Universität zu Köln, Forschungsschwerpunkte: Theoretisierung der Public History als neue Teildisziplin der Geschichtswissenschaft, Populäre Formen von Geschichte, Außerschulisches historisches Lernen. 

Christian Heuer: Univ. Prof. Dr. habil., geb. 1974, Universitätsprofessor für Geschichtsdidaktik, Universität Graz, Schwerpunkte: Theorie und Geschichte der Geschichtsdidaktik; Orte, Formen und Praxen der Geschichtskultur; Pragmatik des Geschichtslernens sowie Professions- und Geschichtsunterrichtsforschung. 

Julia Jochum: BEd, geb. 1998, derzeit Masterstudium Lehramt „Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung“ an der Universität Graz; bis 1.10. 2023 studentische Mitarbeiterin für Forschung am Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik der Universität Graz. 

Christoph Kühberger: Univ. Prof. Dr. habil., geb. 1975, Universitätsprofessor für Geschichts- und Politikdidaktik, Universität Salzburg, Schwerpunkte: Historisches Denken und Geschichtskultur, Dekolonialisierung historischen Wissens, Digital Humanities. 

Marcel Mierwald: Prof. Dr., geb.1988, Juniorprofessor für Didaktik der Bildungsmedien mit dem Schwerpunkt Geschichte am Leibniz-Institut für Bildungsmedien | GEI und der Technischen Universität Braunschweig, Forschungsschwerpunkte: Lehren und Lernen mit digitalen Bildungsmedien, Sprachbildung im Fach Geschichte, Empirische Geschichtskulturforschung.